Zwei Studenten der Universität Göttingen, Stefan Griese und Max Remke, absolvierten vor ein paar Monaten ihr Austauschsemester in Südkorea und sind mit vielen Eindrücken zurückgekehrt. Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus dieser Zeit ermöglichen es den Beiden, über die sozialen und kulturellen Unterschiede in Deutschland und Südkorea zu reflektieren. Vor allem stehen Themen wie das Verhältnis zur Geschichte des eigenen Landes, die Wohnkultur in Städten, aber auch der Konsum im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit.

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Letztes Semester hatten wir die Freude – nicht zuletzt dank der Großzügigkeit von Frau Prof. Chung-Ok Kim und der Kim Hee-Kyung Stiftung für Europäische Kultur- und Geisteswissenschaften – als Studenten das ferne Südkorea zu erkunden. Unsere dort erworbenen Eindrücke sind sehr reichhaltig und deswegen ist es uns ein Anliegen, sie auch in Deutschland zu teilen. Doch was erzählen, wenn es ein ganzes Land zu berichten gibt? Wir haben uns für zwei persönliche Streiflichter entschieden. Zwei Aspekte die unser „deutsches“ Weltbild in Südkorea auf den Kopf gestellt haben. Die folgenden beiden Impressionen geben natürlich nur unseren persönlichen Eindruck wieder. Dieser hat sich aber durch eine Reihe von Kursen und Gesprächen zu Südkorea eher verfestigt, als verflüchtigt. Wir haben uns bewusst dazu entschieden diese Impressionen etwas “launischer” und provokanter zu formulieren, da auch Alumni trockene Texte oft genug lesen.

Südkorea macht neu

Von Stefan Griese

Auf meiner Zugreise mit dem Mugungwha im letzten Winter fiel mir etwas (damals Überraschendes) auf: Die grüne koreanische Berglandschaft ist gespickt mit Wohnhochhäusern. Die scheinbar kleinste Stadt verfügt über zehnstöckige Gebäude. Dazu kommt das bunte Wolkenkratzermosaik in Metropolen wie Seoul oder Busan. Als ich meinem Kommilitonen Jin-Tae von der Korea Universität meine Verwunderung über diesen bestehenden Trend erklärte, erzählte er mir vom dem Traum vieler Koreaner in einem dieser Komplexe zu wohnen. Er zeigte mir beispielhaft den Eunma-Komplex in Gangnam, für dessen Gentrifizierung und Erweiterung ausgerechnet die Mieter kämpfen.

In Deutschland hätte man in dieser Situation von gierigen Investoren und Verdrängung gesprochen, doch die Bewohner in Daechi-Dong freuen sich offenbar über die Annehmlichkeiten des geplanten Neubaus. Selbst wenn man vor Augen hat, wie knapp Bodenfläche in Südkorea ist: Die südkoreanische Mentalität der Nachfolgegeneration mehr bieten zu wollen, die Grenzen des Neuen zu erkunden und Geschichte zu schreiben, war mir aus Deutschland kaum vertraut. Der große Bruch mit der Geschichte 1945 war nur ein Teilbruch. Noch heute wirbt Deutschland mit seinen Dichtern und Denkern der Aufklärung oder den historischen, teilweise Disneyland-artigen Innenstädten. In Deutschland träumt man eher von romantischen Dörfern als von futuristischen Lebensmodellen.

Mein Eindruck nach dem Semester ist, dass viele Koreaner nicht viel Nostalgie für die Zeit vor dem Koreakrieg übrig haben, vor allem, weil sie von Armut und Unterdrückung geprägt war. Wie fast überall haben einige lieb gewonnene Traditionen überdauert. In meiner Wahrnehmung ist den Südkoreanern allerdings viel klarer, wie wenig die Vergangenheit heute noch an zivilisatorischen Möglichkeiten zu bieten hat. Verglichen mit den sehr umsichtigen Deutschen, sind die Koreaner für mich daher der Archetyp von Machern. Dafür sprechen die etlichen technologischen und industriellen Innovationen aus Südkorea. Bildlich zugespitzt: Denke ich an Südkorea, denke ich an innovativen K-Pop aus Samsung Boxen und an Menschen in bunter oversize-Kleidung in flippigen Restaurants, die neben futuristischen Wolkenkratzern residieren und ihre High-End Smartphones nutzen. Spätestens beim Gang durch Dongdaemun offenbart sich: Nichts ist hier unmöglich. Sinnbildlich ist die, im Deutschland der Gegenwart nahezu undenkbare, Aussage von Präsidentin Park aus dem Jahr 1989. Sie sprach in einem Interview über die ungünstige geographische Lage Südkoreas, den lokalen Ressourcenmangel und postulierte (polemisch): Nur die Politik ihres Vaters, also nur der radikale Bruch mit der Vergangenheit konnten die 5000 Jahre Armut Koreas überwinden. Ironischerweise neigt auch die heutige koreanische Gesellschaft häufig dazu, selbst demokratische Präsidenten außerordentlich dem Amt zu entheben und damit weiterhin mit der Vergangenheit zu brechen. Vielleicht braucht man manchmal eine komplette Abwendung vom alten, um etwas Neues zu erschaffen. So zumindest ist, weit entfernt von Südkorea, mein Eindruck im “alten Europa”.

Die Unschuld des koreanischen Konsums

Von Max Remke

Konsum ist anders in Korea. Diese Erkenntnis traf mich wenige Tage nach meiner Rückkehr, als ich meinen deutschen Bekannten leicht verwackelte Handyfotos präsentierte. Darunter eine einzeln folienverpackte Banane. Sie zwinkerte mir mit einem aufgedruckten mexikanischen Schnauzbart neckisch zu. Die beschnäuzte Banane war mir in Korea auf den ersten Blick sympathisch gewesen. Meinen deutschen Freunden war sie hingegen sehr unsympathisch. Sie interessierten sich weniger für den kreativen Aufdruck, als für die Tatsache, dass hier eine einzelne Banane in Plastik verschweißt war. Was in Korea verspielter Konsum war, nahm man hier als bösartiges Verbrechen gegen Mutter-Natur wahr.

In diesem Moment erschien mir Korea erstmals wie ein Eldorado des unschuldigen Konsums. Ein Land, in dem alles verheißungsvoll blinkt, leuchtet, wirbt. Ein Land, wo alte Häuser und offene Wiesen für Lotte Malls und Lotte Castles Platz machen. Wo Paris Baguette und Paris Croissant um Käsekuchenkunden wetteifern und wo Studenten mit schamloser Freude rauchen, saufen und Fleischmassen herunter schlingen. Wo Fische sich nach Sauerstoff japsend in Wassertanks zu undefinierbaren Knäueln stapeln, bereit verspeist zu werden.

Wie anders wirkt der Konsum im deutschen Supermarkt. Achtsamkeit ist hier das Wort der Stunde. Im Ohr stets die Frage: Beute ich damit nicht irgendwen oder irgendwas aus? Bio-, Gentechnikfrei-, Freiland-, Artgerecht-, Fair-, Sozial-, Regional-, Tradition... – für alles gibt es hierzulande ein Produktsiegel, das reines Gewissen verheißt. Und damit scheint auch eine ganze Kultur einher zu gehen. Die Gebildeten führen lange Gespräche über vegane Fairtradeprodukte und lokale Bauern. Sie zahlen dafür auch gerne mehr. Aber dabei schleicht sich auch eine Spaltung in die Gesellschaft. Nicht primär eine des Geldes, sondern der freien Zeit. Zeit, die man in Blogs über artgerechte Haltung oder WG-Gespräche über Arbeitsbedingungen in Bangladesch investieren kann.

Nun ist Südkorea kein Land ohne jede Spaltung und viele, sehr viele feinen Unterschiede sind mir als Kulturfremden zweifellos entgangen. Ich habe dort Risse gesehen zwischen Arm und Reich, zwischen SKY-Universität und Kleinstadtuniversität. Aber nicht diesen deutschen Riss durch die Mitte der Gesellschaft: Den Riss zwischen einer Gruppe, die Zeit hat moralisch zu sein, und einer, der die Moral abgesprochen wird, weil ihr diese Zeit fehlt. Und ich habe dort nicht dieses beständige Reden der Zeitreichen gefunden, das jeden Konsum und jeden Konsumenten moralisch kategorisiert. Ich fürchte, dass diese gesellschaftliche Spaltung der Preis der deutschen Achtsamkeit ist. Ein Preis, der mir erst in Korea bewusst geworden ist. Ich kann als Deutscher gut verstehen, warum manch koreanischer Gelehrter über diese Naivität der koreanischen Konsumenten den Kopf schüttelt. Ich tue das nicht mehr. Auch moralische Unschuld hat ihre Vorzüge, gesellschaftlich und in der ganz persönlichen Lebensfreude des einzelnen.


Diese Beiträge sind persönliche Perspektiven und Meinungen der Studenten und spiegeln die Ansichten von Alumni Göttingen nicht zwangsweise wider.

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