„Mama Superstar“ ist ein Buch, das Frauen und Migration feiert. Es erzählt auf 150 Seiten die persönlichen Geschichten von 11 Frauen, die aus unterschiedlichsten Gründen ihre Heimat verlassen und ihre Kinder in einem neuen Land großgezogen haben. Das Buch wird durch farben- und lebensfrohe Illustrationen ergänzt. Die erste Ausgabe von 5.000 Exemplaren verkaufte sich kürzlich innerhalb von vier Wochen. Eine zweite Auflage ist aktuell in Produktion und das Projekt für den Integrationspreis der Hertie Stiftung nominiert. Das Buch ist Teil der Bewegung Migrant Mama, die immer mehr Menschen bewegt, Migrationsgeschichten zu teilen und zu feiern. Dadurch wird ein völlig neuer, positiver und optimistischer Blick auf ein vorwiegend als problemlastig dargestelltes Thema geworfen.

Ich habe Manik im Jahr 2015 kennengelernt als sie noch in Göttingen studierte. Sie gründete damals mit drei Kommilitonen – rein zufälligerweise alle aus demselben Masterprogramm - die Initiative Conquer Babel, die auch heute noch Übersetzungsdienste für Flüchtlinge anbietet. Maniks zielstrebiges Engagement beeindruckte mich sehr. Innerhalb kürzester Zeit hatten sie und ihre Freunde zahlreiche Studierende mobilisiert, sich als Übersetzter, „Buddies“ oder Organisatorinnen von sozialen Zusammenkünften zu engagieren. Sie stimmten sich mit anderen Initiativen der Flüchtlingshilfe sowie den offiziellen Stellen ab, um sicherzustellen, dass das Engagement genau an den richtigen Stellen ansetzte und agierten auch sonst in jeder Weise höchst professionell.

Aufgrund solchen Engagements hat Manik sowohl im Bachelor als auch im Masterstudium über die Regelstudienzeit hinaus studiert – und dabei ihr Wissen durch praktische Erfahrungen ergänzt. Während der Schulzeit hatte sie den Wunsch entwickelt, später in der Entwicklungshilfe zu arbeiten. Da man ihr dies als sinnvolle Grundlage für Ihren Berufswunsch empfohlen hatte, begann sie nach dem Abitur in Frankfurt, nah ihres Heimatortes, Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Doch schon während des Studiums wurde ihr bewusst, dass die Inhalte der Vorlesungen und Seminare sie wenig auf ihr Berufsziel vorbereiteten. Frühzeitig begann sie, sich zu informieren, wie sie ihr Masterstudium zielorientierter ausrichten konnte. Der Master International Economics mit dem Schwerpunkt Development Economics an der Universität Göttingen kristallisierte sich als passgenau heraus.

Während des Masters absolvierte sie ein Auslandsjahr am Tata Institute of Social Sciences in Mumbai. Hier lernte sie ihre spätere Projektpartnerin Melisa Manrique kennen und hier möchte ich sie jetzt selbst zu Wort kommen lassen. Einen Telefontermin bot sie mir für 7 Uhr morgens an. Ich wählte das Alternativangebot, den Karfreitag, 9 Uhr…


KK: Deine Tage müssen ganz schön voll sein – tagsüber arbeitest du regulär und abends und wochenends treibst du das Buchprojekt voran…

Manik: Ja, und mit jedem Schritt denkt man: Danach wird es besser. Aber dann kommt der Verkauf, dann kommt die 2. Auflage, dann die Crowdfunding-Kampagne… Melisa und ich achten trotzdem sehr darauf, dass wir auch unsere Auszeiten bekommen und wir versuchen aktiv, dem „productivity guilt“, der gerade in der Start-Up-Szene in Berlin, wo Melisa wohnt, so präsent ist, entgegenzuwirken. Unsere Zusammenarbeit ist eine sehr weibliche. Wir passen aufeinander auf, sind auch immer bedacht, Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Manchmal glauben Leute, dass das unproduktiv ist, aber wir sehen letzten Endes an der Qualität unserer Arbeit, dass sich das lohnt.

KK: Wo habt ihr euch kennengelernt, du und Melisa?

Manik: Wir haben uns während unseres Austauschsemesters kennengelernt. Darum sagen wir auch, dass wir unsere Zusammenarbeit und unser Buch auch unseren Universitäten zu verdanken haben. Unter dem Dankeschön am Ende des Buches stehen darum auch unsere Unis. Witziger Weise studierte Melisa in Kassel, also gar nicht weit von mir – und dann treffen wir uns in Mumbai. Wir waren beide am Tata Institute of Social Sciences. Da meine Eltern aus Indien sind, hielt Melisa, die Peruanerin ist, aber in Italien aufgewachsen, mich zunächst für eine einheimische Studentin. Unser Kennenlernen war gewissermaßen Liebe auf den ersten Blick. Und von Anfang war unser Migrationshintergrund ein roter Faden in unseren Gesprächen, sowohl aufgrund unserer Interessen als auch unserer persönlichen Geschichten. Von Anfang an sprachen wir auch viel von unseren Müttern. Mit Mitte 20, das ist ja so die Zeit im Leben, in der man beginnt, die eigenen Eltern in einem anderen Licht zu sehen. Weil man selbst immer mehr ein eigenverantwortliches Leben führt. Wir wurden uns bewusst, was wir für tolle Mütter hatten. Und was beide miteinander verband, war, dass sie in neuen Kulturen ihre Kinder großzogen hatten. Sie mussten gewissermaßen doppelt so viel leisten wie andere Mütter. Sie mussten all die fremden Codes lernen, um ein funktionierendes Bindeglied zwischen ihren Kindern und der Gesellschaft zu sein. Darum geht es im Buch Wir sehen unsere Mütter als Alltagsheldinnen und Vorbilder für uns selbst und unsere Gesellschaft. Wir wollen Migrationsgeschichten nicht aus einer Position der Schwäche erzählen, sondern Stärke.

Eine exemplarische Geschichte, die wir auch im Buch erzählen, ist die, als ich in den Kindergarten kam. Es kam der 6. Dezember und die Kinder sprachen über ihre Nikolausgeschenke. Als sie erfuhren, dass ich nichts bekommen hatte, sagten sie mir, ich sei ein schlechtes Kind. Ich kam verzweifelt nach Hause und fragte „Mama, bin ich ein schlechtes Kind, der Nikolaus hat mir nichts gebracht?“ Meine Mutter verstand nicht was los war, sie versuchte mich zu trösten und sagte, es dauere wahrscheinlich etwas länger, bis er zu unserem Haus gelange. Am nächsten Tag ging sie zur Erzieherin im Kindergarten und frage, wo man denn den Herrn Nikolaus bestellen könne. Das macht deutlich, wieviel Mut es auch von unseren Müttern erfordert, ihr Nichtwissen in der neuen Kultur preiszugeben, um ihren Kindern gute Mütter zu sein. Melisa und ich trieben damals eine Art Wettbewerb miteinander, wessen Mama toller war, indem wir uns täglich neue Geschichten von ihnen erzählten.

KK: Und daraus entstand die Idee für das Buch?

Manik: Melisa und ich blieben anschließend in Kontakt miteinander. Jedes Mal, wenn wir uns sahen, sagten wir uns, dass wir dieses Buch schreiben werden. Irgendwann hatte Melisa genug von ihrem damaligen Job und wollte etwas mit mehr Sinn machen. Ab dem Zeitpunkt, Ende 2017, trieben wir das Projekt intensiv voran – Melisa war der Motor. In unserem Umfeld fanden wir schnell neben unseren eigenen andere spannende Geschichten von Migrant Mamas. Keine von ihnen ist Vorstandsvorsitzende oder eine Berühmtheit – aber alle sind Frauen, die für ihre Familien Unglaubliches geleistet haben.
Wir haben zwar einen Verlag als Partner, trotzdem ist unsere erste Ausgabe selbst finanziert als Freund/innen und Familienprojekt entstanden: Korrekturgelesen haben mein Mann, mein Schwager, meine Schwägerin und Melisas Schwägerin. Eine Freundin machte die Illustrationen und so weiter. Darum ist die erste Ausgabe auch zunächst auf 5.000 Exemplare limitiert gewesen.

KK: Die 5.000 waren schnell ausverkauft…

Manik: Genau. Für die zweite Auflage konnten wir es uns dann leisten, eine professionelle Lektorin zu beauftragen. Das war uns sehr wichtig und man merkt schon den Unterschied. Die Reaktionen auf das Buch waren unglaublich! Wir bekamen zahllose Rückmeldungen von Leser/innen, mit und ohne Migrationsgeschichte, die schrieben, wie sie das Buch berührt oder ihre Sichtweise verändert hatte. Viele Menschen erzählten uns ihre eigenen Geschichten. Somit ist Migrant Mama zu der Bewegung geworden die wir uns gewünscht hatten. Wir möchten Migration feiern und Menschen mit Migrationshintergrund inspirieren, stolz darauf zu sein.

KK: Wie geht es weiter?

Manik: Unser nächstes Projekt ist in Vorbereitung, es ist eine Community-Edition.. Die Mama Superstar - Community Edition wird ein Buch, das die wunderbaren Geschichten von Migrant Mamas aus ganz Deutschland erzählt. Zusammen mit unserer Community wollen wir die alltäglichen Geschichten der Migration sammeln und feiern. Wir haben uns für den Integrationspreis der Hertie Stiftung beworben und sind nominiert worden. Im nächsten Schritt des Wettbewerbsverfahrens müssen wir erfolgreich eine Crowdfunding-Kampagne durchführen um das Buch zu finanzieren und mit noch mehr zusammenzuarbeiten.

KK: Du arbeitest heute für die Hochschule Rhein-Main. Was machst du da und warum ist es doch nicht die Entwicklungszusammenarbeit geworden?

Manik: Ich bin Projektleiterin für die Studienvorbereitung von Geflüchteten. In Göttingen hatte ich als Studentische Hilfskraft für das Gasthörerprojekt für Geflüchtete gearbeitet. Die Universitätsmitarbeiterin, die das Projekt leitete, hat mich damals sehr gefördert, mir und dem anderen Hiwi sehr viel Gestaltungsraum gelassen. Ich glaube, es war die Erfahrung, die ich bei der Bewerbung in Wiesbaden vorweisen konnte, die ausschlaggebend für den Erfolg war. Sowohl mit Conquer Babel als auch in dem Job als studentische Hilfskraft stellte ich fest, dass mir diese vermittelnde Rolle sehr liegt und das ich sehr gerne mit Geflüchteten arbeite. Gleichzeitig tat ich mich gedanklich immer schwerer mit der Vorstellung, als Deutsche in Entwicklungsländern zu wissen, was sich verändern müsse. Es hat sich also für mich alles perfekt gefügt. Das Tolle ist, dass ich in meinem jetzigen Job die Ideen umsetzen kann, die wir damals in Göttingen gemeinsam entwickelt haben.

KK: Was hat dir die Zeit in Göttingen gegeben?

Manik: Göttingen ist wirklich eine wunderbare Stadt zum Studieren und Leben. Besonders gut hat mir gefallen wie politisch die Stadt war. Es war sehr leicht dort eine Organisation zu gründen die mit und für Geflüchtete arbeitet. Die wunderbaren Menschen, die ich unter den Aktivistinnen kennen gelernt habe, haben mich inspiriert und gefördert. Die flexible Prüfungsordnung von meinem Studiengang hat es mir erlaubt mich ehrenamtlich zu engagieren und auch länger im Ausland zu bleiben. Zusammenfassend hat mir Göttingen und die Göttingerinnen einen Plan für meine berufliche Zukunft und die dafür notwendigen Fähigkeiten gegeben.

Manik Chander ist 31 Jahre alt, verheiratet und lebt in Ober Ursel.


Migrant Mama unterstützen: Am 7. Mai startet pünktlich zum Muttertag die Crowdfunding-Kampagne, mit der sie Manik Chanders Projekt im Wettbewerb um den Integrationspreis unterstützen können. Folgen Sie Migrant Mama auf Facebook und Instagram, um informiert zu bleiben. Aktuelle Informationen werden auch auf der Seite des Verlags bekannt gegeben.

Buchbestellung: Hier geht’s zur Vorbestellung des Buches „Mama Superstar“
Crowdfunding-Kampagne: Unterstützen Sie das Projekt

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