Bernd Schleich, Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft "Internationale Weiterbildung und Entwicklung" (InWEnt), hat von 1971 bis 1976 Wirtschaftspädagogik und Sozialwissenschaften an der Georg-Augusta-Universität studiert. Der Diplom-Sozialwirt, 1950 in Bad Hersfeld geboren, nahm 1979 die Postgraduiertenausbildung am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik wahr und wurde dann bis 1983 Leiter des Deutschen Entwicklungsdienstes in Nicaragua. Er war später tätig als Fachberater für berufliche Bildung in Entwicklungsländern. 1988 wechselte er zur Carl-Duisberg-Gesellschaft (CDG) als Leiter der Abteilung "Umwelt- und Ressourcenschutz". 1993 wurde Schleich Geschäftsführer der CDG und ist dies auch seit der Fusion von CDG und der Deutschen Stiftung für internationale Entwicklung zur neuen Gesellschaft InWEnt im Jahr 2002. Der ehemalige Göttinger Student ist verheiratet und hat eine Tochter.



Was hat Sie dazu bewogen, ein Studium in Göttingen anzutreten?

Ich habe 1969 Abitur in Bad Hersfeld gemacht und wollte ursprünglich in Gießen studieren. Ein Lehrerstudium für berufsbildende Schulen wurde in Gießen nicht angeboten. Da ich in der Nähe meiner nordhessischen Heimat studieren wollte, habe ich nach dem Wehrdienst 1971 einige in der Nähe liegenden Universitätsstädte besucht, u.a. Gießen, Marburg und Göttingen. Schnell fiel die Wahl auf Göttingen und ich habe mich zunächst in Betriebswirtschaftslehre eingeschrieben, bin aber schon im ersten Semester zur Wirtschaftspädagogik gewechselt, da zu diesem Zeitpunkt Professor Achtenhagen einen Ruf nach Göttingen erhielt. Ich kannte ihn aus der Literatur als „Blankerts-Schüler“. Nach dem dritten Semester habe ich dann noch Sozialwissenschaften dazu gewählt. Dies hatte sowohl damit zu tun, dass mein Interesse an der Untersuchung von Systemen der beruflichen Bildung sich immer stärker auch auf die Entwicklungsländer bezog und zu diesem Zeitpunkt Bassam Tibi nach Göttingen kam, dessen Veröffentlichungen mich sehr interessierten und motivierten die Themen „Berufliche Bildung“ und „Entwicklungspolitik“ miteinander zu verknüpfen. Bis heute ist dies –ohne Unterbrechung- mein Arbeitsgebiet geblieben.



Denke ich an Göttingen, denke ich sofort an......

Das altehrwürdige Audimax, seine beeindruckende Ausstrahlung als Ort der Wissenschaft, seinen unverwechselbaren Geruch, kurzum: das war für mich Universität.



Was war für Sie in dieser Zeit ein unvergessliches Erlebnis?

Das Leben und Studieren im „Historischen Colloquium“ (HC), in dem ich 3 Jahre gewohnt habe. Es war ein einzigartiger Ort: wie eine große Wohngemeinschaft von engagierten Studierenden, die alle auch hochschulpolitisch tätig waren. 1973, nach dem Putsch in Chile, wurde im HC das „Flüchtlingskomitee Chile“ gegründet, dessen Sprecher ich war. Viele chilenische Emigranten waren im Lager Friedland gelandet und wir kümmerten uns um Jobs, Sprachunterricht, einen Studienplatz, etc. Eines Tages klingelte es frühmorgens und vor der Tür stand ein Herr, der sich mit Gerhard Schröder vorstellte und sagte, er käme von den Jusos. Ich kannte ihn nicht, habe ihn bei Tee und Kuchen dann aber etwas kennen gelernt und er hat die Arbeit unseres Komitees dann auch tatkräftig unterstützt. Er wird sich wohl nicht mehr erinnern, ich schon…



Was war Ihr Lieblingslokal, beziehungsweise Ihr Lieblingsort in Göttingen?

Neben dem „Theaterkeller“, in dem man nicht selten mit den Professoren vom Seminar am Vormittag abends bei einem Bier „weiterarbeiten“ konnte, war es die „Galerie Apex“. Ein wunderbarer Ort, immer interessante Leute und das Schönste: morgens um…(?) Uhr der Rausschmeißer: das Mandolinenkonzert von Vivaldi – heute noch mein Lieblingsstück von ihm.



Welcher Hochschullehrer hat Sie beeinflusst, beziehungsweise welches Studienangebot hat Sie besonders beeindruckt?

Die großartige Ingeborg Nahnsen, Professorin für Sozialpolitik, war eine Lehrerin, die ich verehrt habe. Sie war sowohl wissenschaftlich als auch menschlich eine außergewöhnliche Lehrerin. Unser beider „Bezugsperson“ in der Sozialpolitik war Eduard Heimann, der große Sozialreformer der Weimarer Republik. Ich habe von Frau Nahnsen wie von Eduard Heimann gelernt, dass eine fundierte Wertehaltung und Empathie für die Menschen, für die man verantwortlich ist, die Voraussetzung für eine soziale Verantwortung ist, die man als Intellektueller wahrzunehmen hat.



Womit konnte man Sie immer vom Lernen abhalten?

Mit einem spannenden „teach in“, einer turbulenten Vollversammlung in der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät oder einer der zahlreichen Demos für…oder gegen…



Was würden Sie studieren, wenn Sie heute noch einmal entscheiden könnten?

Ganz eindeutig: noch mal das Gleiche!



Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

Es ist das von dem jüdischen Philosophen Hans Jonas formulierte „Prinzip Verantwortung“.



Welchen Ort in Göttingen würden Sie gerne einmal wiedersehen?

Die drei oben Genannten: Das Historische Colloquium, die Galerie Apex und den Theaterkeller.



Welchen Tipp haben Sie für heutige Studierende?

Lassen Sie sich von Ihren Interessen, Neigungen und Neugierden leiten, nicht von Arbeitmarktprognosen.

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