Dagmar Deckstein, Wirtschaftskorrespondentin der Süddeutschen Zeitung (SZ) für Baden Württemberg, wurde am 12. März 1953 in Göppingen geboren. Sie studierte ab 1973 in Göttingen Sozialwissenschaften mit Abschluss als Diplom-Sozialwirtin im Jahr 1979. Während des Studiums arbeitete sie in der Redaktion des Göttinger Tageblatts, 1980 wechselte sie zur HNA nach Kassel, vier Jahre später zur Stuttgarter Zeitung. 1989 nahm Deckstein ein Angebot der SZ an, wo sie die ersten Jahre im Ressort Innenpolitik tätig war. Deckstein ist verheiratet und hat keine Kinder. Ihr Hobby: Fliegen.



Was hat Sie dazu bewogen, ein Studium in Göttingen anzutreten?

Es gab damals, Anfang der 70-er Jahre, nur zwei Universitäten, die den neuen, integrierten Studiengang der Sozialwissenschaften anboten – Erlangen und Göttingen. Da unser Bestreben damals im Gegensatz zur heutigen Generation „Hotel Mama“ lautete, sich so weit wie möglich vom Zugriff des (seinerzeit noch sehr autoritär geprägten) Elternhauses im Südwesten zu entfliehen, war natürlich Göttingen der Studienort der Wahl.



Denke ich an Göttingen, denke ich an …

...den Gänselieselbrunnen und die lieben Studienfreunde, die wir uns immer wieder um die zentrale Anlaufstelle in der Innenstadt zu verabreden pflegten, um eine der nahegelegenen Kneipen oder die Wohngemeinschaften anzusteuern. Mal, hieß es dabei die nächste Klausur vorzubereiten, mal die Frauenfrage grundsätzlich zu lösen oder zu überlegen, wie wir vom „Liberalen Hochschulverband“ Jürgen Trittin von den Linken oder wahlweise Friedbert Pflüger von den Rechten in die Parade fahren könnten. Und ich denke an Jürgen Trittin, dem ich bei so vielen Mensabesuchen am Eingang den feilgebotenen „Arbeiterkampf“ abgekauft habe. Ich glaube, der kostete damals 50 Pfennig.



Was war für Sie in dieser Zeit ein unvergessliches Erlebnis?

Ich habe den „Mescalero“, der damals, 1977, seine „klammheimliche Freude“ über die Ermordung von Generalstaatsanwalt Siegfried Buback in der Asta-Zeitung „Göttinger Nachrichten“ verfasste, kurz darauf fürs Göttinger Tageblatt interviewt. Anonym, versteht sich. Erst 24 Jahre später hat sich Mescalero Klaus Hülbrock offenbart und Bubacks Sohn Michael gegenüber sein Bedauern geäußert. Es waren ziemlich wilde Zeiten, die ich seinerzeit in den aufgewühlten Nach-68-er-Zeiten miterlebte.



Was war ihr Lieblingslokal, beziehungsweise Ihr Lieblingsort in Göttingen?

Das ist schwer zu sagen, da ich ganz Göttingen liebte und in all seinen Winkeln Freunde hatte. Aber vielleicht wäre der Theaterkeller hervorzuheben, die Kneipe im Gebäude des Jungen Theaters. Da hatte ich einen Kellnerinnenjob, mit dem ich mein Studium finanzierte. Schauspieler des Theaters waren abends regelmäßig meine Tischgäste, Freunde und Bekannte auch, und ich habe, wenn ich mich recht an meine Einträge in mein damaliges Notizbüchlein erinnere, bis zu 1700 D-Mark im Monat verdient. Nie wieder habe ich mich reicher gefühlt. Aber das meiste für die Rückzahlung meines BaföG-Darlehens zurückgelegt.



Welcher Hochschullehrer hat Sie beeinflusst, beziehungsweise welches Studienangebot hat Sie besonders beeindruckt?

Das war sicherlich der "Vater" meiner Diplomarbeit, Professor Ernst-August Roloff, der mich für die "Psychologie der Politik" begeisterte und mich für das Thema meiner 140-seitigen, per Gabriele-Schreibmaschine und mit viel Tipp-Ex bewältigten Diplomarbeit (begonnen am 7.7.1977) inspirierte: "Über die Bedeutung der Psychoanalyse für die Psychologie der Politik unter besonderer Berücksichtigung der politischen Apathie als Erscheinungsform der Krise des bürgerlichen Individuums." Aber von meinem heutigen Standpunkt aus betrachtet: Vollkommen unlesbar, das Ganze! Aber auch vom Soziologieprofessor Wolf Rosenbaum habeich viel profitiert



Womit konnte man Sie immer vom Lernen abhalten?

Mit Skat, Poker und Doppelkopf. Ich erinnere mich noch heute gerne an jene Kartenspiel-Marathons in der Mühlenstraßen-WG, da wir manchmal von 16 Uhr am Nachmittag bis um acht Uhr des Folgetags durchgezockt haben. Nicht um Geld, nur aus Lust am Spiel. Wir haben nur Gewinner- und Verliererlisten geführt.



Was würden Sie studieren, wenn Sie heute noch einmal studieren könnten?

Ganz klar: MINT! Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik. Damit können Sie heute als Frau viel besser in Spitzenpositionen von Unternehmen gelangen und außerdem haben wir Frauen in diesen zukunftsweisenden und –entscheidenden Fächern noch lange nicht die Expertise erlangt, um auch diese angeblich „harten“ Wissenschaften für eine menschenfreundlichere Zukunft zu nutzen.



Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

Da halte ich es mit dem guten, alten Göttinger Philosophen aus dem 18. Jahrhundert, Georg Christoph Lichtenberg: „Wer nichts als Chemie versteht, versteht auch die nicht recht“.



Welchen Ort in Göttingen würden Sie gerne einmal wieder sehen?

Den Fabrikweg 5, wo ich mit drei Männern in einer gut funktionierende WG zum Ende meines Studiums lebte (übrigens eine sich bis heute durchziehende Konstellation in meinem Leben: Drei Männer und ich bevölkern auch das Stuttgarter SZ-Büro)



Welchen Tipp haben Sie für heutige Studierende?

Wehrt euch gegen jedwelche Versuche, das Studium zu industrialisieren bzw. zu bachelorisieren!

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« Dr. Peter Cornelius Jürgen Dehn »