Eva-Maria Neher, Gründerin und Geschäftsführerin des Göttinger Xlab, Experimentallabor für junge Leute, studierte von 1969 bis 1973 an der Georg-August-Universität Mikrobiologie, Biochemie und Organische Chemie. Nach dem Diplom 1974 folgte 1977 die Dissertation. Die gebürtige Mühlheimerin begann 1993 an der Freien Walddorfschule Experimentalkurse in Chemie und Biologie anzubieten. Daraus entwickelte sie das Konzept für das Xlab, das im Jahr 2000 gegründet wurde und seit 2004 über ein Gebäude auf dem Nordcampus verfügt. Für ihr Engagement erhielt Neher verschiedene Auszeichnungen, darunter den Niedersächsischen Staatspreis. Die 58-Jährige ist verheiratet mit Nobelpreisträger Erwin Neher. Das Paar hat fünf Kinder und lebt in Eddigehausen.



Was hat Sie dazu bewogen, ein Studium in Göttingen anzutreten?

Schon 1969 wurden die Studienplätze für viele Studienfächer über die Zentrale Vergabestelle von Studienplätzen (ZVS) vergeben. Ich hatte mich für Biologie und Chemie beworben und bekam eine Zusage für das Studium der Chemie in Göttingen. In Göttingen angekommen habe ich auch meinen heimlichen Studienwunsch Landschaftsplanung eruiert, doch da gab es nur ein Institut in der Goßlerstrasse ohne konkreten Studiengang. Ohne großen bürokratischen Aufwand konnte ich meine Studieninteressen auf die Biologie konzentrieren.



Denke ich an Göttingen, denke ich an …

Na ja, ich bin immer noch hier und habe diese Stadt lieben gelernt. Ich kam aus einer Großstadt im Ruhrgebiet und war fasziniert von den kleinen Gassen mit den vielen unversehrten Fachwerkhäusern. Beeindruckt haben mich der Kontrast zwischen den zahlreichen politisch aktiven Studenten und der eher provinziellen Bevölkerung, die beide das Straßenbild prägten. Dies war so völlig anders als das Leben in einer wirtschaftlich aufstrebenden Region, in der damals Gastarbeiter aus Südeuropa, Flüchtlinge aus den Ostländern und deutsche Industrielle ein ebenso gemischtes aber anderes Bevölkerungsbild boten.



Was war für Sie in dieser Zeit ein unvergessliches Erlebnis?

Die Nähe zur Zonengrenze war für mich eine erschütternde Erkenntnis. Ich habe versucht, die Umgebung mit öffentlichen Bussen zu erkunden und habe in Duderstadt die erschütternde Realität des geteilten Deutschland für mich erstmalig festgestellt.



Was war ihr Lieblingslokal, beziehungsweise Ihr Lieblingsort in Göttingen?

Ein Lieblingslokal hatte ich nicht, ich erinnere mich an Potis, Onkel Tom´s Hütte in Geismar und an Mutter Jütte bei Bremke. Zum Lieblingsort sind für mich die Schillerwiesen wegen des beeindruckenden Baumbestandes geworden.



Welcher Hochschullehrer hat Sie beeinflusst, beziehungsweise welches Studienangebot hat sie besonders beeindruckt?

Es war Professor André Pirson, der mich mit der Vorlesung Pflanzenphysiologie total beeindruckt hat. Planmäßig hätte ich Zoologie hören sollen, doch schon im ersten Semester hörte ich seine Vorlesungen, weil mich die Pflanzen weit mehr interessierten. Ausgehend von den physiologischen Erkenntnissen wollte ich erfahren, „ was die Welt im Innersten zusammenhält“ und habe mich im weiteren Studium der Biochemie der Mikroorganismen zugewendet. Meine akademischen Lehrer wurden dann die Professoren Hans-Günter Schlegel und Gerhard Gottschalk.



Womit konnte man Sie immer vom Lernen abhalten?

Ich muss passen, eigentlich mit gar nichts.



Was würden Sie studieren, wenn Sie heuten noch einmal studieren könnten?

Ich würde Medizin studieren, nicht unbedingt mit dem Ziel, praktizierender Arzt zu werden, aber das Studium der Humanmedizin ist so umfassend, dass es in alle Richtungen der Lebenswissenschaft hineinführt.



Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

Es gibt nichts Spannenderes als immer wieder Neues lernen und erfahren zu dürfen; und ich möchte etwas bewegen, nicht debattieren, sondern handeln.



Welchen Ort in Göttingen würden Sie gerne einmal wieder sehen?

Diese Frage trifft auf mich so nicht zu. Es gibt aber viele Orte in Göttingen, die ich gerne anders gestaltet sehen würde. Es ist der Abriss des historischen Reitstalls nachträglich immer wieder als Fehlentscheidung diskutiert worden. Es gibt heute Neubauten im Areal des Industriedenkmals Lokhalle, die städtebaulich aus meiner Sicht kein Gewinn sind. Es stehen jetzt neue Planungen im Bereich der Zoologie zur Debatte, die ich städtebaulich für ebenso bedenklich halte. Jede Stadt sollte sich ein Gesicht geben und ihrer Historie Respekt zollen, dazu gehören auch repräsentative Grünflächen im Umfeld historischer Gebäude, die Erhaltung der Gebäude selbst und ihres Zeugniswertes.



Welchen Tipp haben Sie für heutige Studierende?

Sie mögen das Flair dieser Stadt einatmen und trotz aller strengen Studienvorgaben das Studentenleben in Göttingen genießen.

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