Ines Pohl, Chefredakteurin der Berliner Tageszeitung "taz" seit Juli 2009, studierte in Göttingen Skandinavistik und Germanistik. Nach dem Magisterabschluss war sie zwei Jahre als Frauenbeauftragte an der Universität Göttingen tätig. Ihr Weg in den Journalismus begann bei radio ffn und verschiedenen Lokalzeitungen.Bevor die 1967 geborene Mutlangenerin als politische Korrespondentin für die Mediengruppe Ippen in Berlin arbeitete, leitete sie das politische Ressort der Hessischen / Niedersächsischen Allgemeinen. 2004/2005 war sie als Stipendiatin der Nieman Foundation of Journalism für ein Jahr an der University of Harvard. 2009 wurde ihr der Medienpreis "Newcomerin des Jahres" vom Medium-Magazin verliehen. Seit 2010 ist Ines Pohl Mitglied im Kuratorium der NGO "Reporter ohne Grenzen".



Was hat Sie dazu bewogen, ein Studium in Göttingen anzutreten?

... weil Göttingen schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit den Göttinger 7 gezeigt hat, wie Aufstand gegen die autoritäre Staatsgewalt geht. Ach, und außerdem war der Ruf der Germanistik gut und aus meiner schwäbischen Sicht lag Göttingen im Norden Deutschlands, und ich wollte ja schon auch raus in die große weite Welt.



Denke ich an Göttingen, denke ich sofort an......

... nächtelanges Diskutieren und Feiern, und die gefüllten Spinattaschen vom Türken in der Düsteren Straße morgens um halb zwei für den kleinen Hunger zwischendurch.



Was war für Sie in dieser Zeit ein unvergessliches Erlebnis?

... als eine meiner Professorinnen sagte: „Ich muss dieses Seminar jetzt leider beenden, da ich einen plötzlichen Migräneanfall habe. Sie sind gerne eingeladen, mich auf meinem Spaziergang in der frischen Luft auf der Weender Straße zu begleiten.“ Dort gingen gerade Tausende auf die Straße, um gegen das Massaker auf dem Tian'anmen Platz aufzubegehren. Dann sage nochmal einer, dass Mediävistinnen nicht im Hier und Jetzt leben können!



Was war Ihr Lieblingslokal, beziehungsweise Ihr Lieblingsort in Göttingen?

Das Cafe Kabale. Ganz wichtig auch: das Frauen- und Lesbenzentrum (FLZ) in der Düsteren Straße.



Welcher Hochschullehrer hat Sie beeinflusst, beziehungsweise welches Studienangebot hat Sie besonders beeindruckt?

Zwar hat mich mein Skandinavistik Prof mit den Worten verabschiedet: „Ich lasse Sie nur nicht durchfallen, damit ich Sie nie wieder sehen muss.“ Aber trotzdem war das kleine Institut der Skandinavistik ein ausgesprochen anregender und ermutigender Ort, eine Art kleine Heimat in den großen Weiten der Geisteswissenschaften. Hier gab es Solidarität, intellektuelle Streitereien und in der Weihnachtszeit Glöck und Lieder bei Kerzenlicht.



Womit konnte man Sie immer vom Lernen abhalten?

Flugblattschreiben und Demos organisieren fand ich immer mindestens genau so spannend, wie Verben deklinieren oder Adjektive in Gedichten zählen.



Was würden Sie studieren, wenn Sie heute noch einmal entscheiden könnten?

Hmmm, dann wohl doch in jedem Fall ein geisteswissenschaftliches Fach. Denken lernen hilft doch sehr im Leben.



Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

Mein heutiges? Kleine Schritte sind immer besser als große Worte.



Welchen Ort in Göttingen würden Sie gerne einmal wiedersehen?

Die Schillerwiesen, am frühen Sommerabend, sonnensatt und voller Hunger aufs Leben.



Welchen Tipp haben Sie für heutige Studierende?

Lebt Eure Zeit. Und lasst Euch nicht hetzen, bei aller Dichte, aller Anforderung, allem Druck. Göttingen bietet mehr als den Hörsaal in Eurer Fakultät, schnuppert in andere Bereiche, besucht auch die kleinen Seitenstraßen, genießt die Vielfältigkeit. Der Grad an Bildung spiegelt sich nicht nur in den Punkten auf Eurem Abschluss Diplom wider.

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