Richard von Weizsäcker, Bundespräsident von 1984 bis 1994, wurde in Stuttgart am 15. April 1920 geboren. Von 1945 bis 1949 studierte er Rechtswissenschaften mit Nebenfach Geschichte, in Göttingen . Er war am Institut für Zeitgeschichte in München tätig. Danach 1953-56 in der Wirtschaft (Montanindustrie, pharmazeutische Industrie). Aktive Tätigkeit in der Laienbewegung des Evangelischen Kirchentages. Seit Herbst 1969 Mitglied des Deutschen Bundestages mit verschiedenen Aufgaben. Von 1981 bis 1984 war er Regierender Bürgermeister von Berlin, von 1984 bis 1994 Bundespräsident. Auch nach dem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt blieb Weizsäcker gesellschaftlich aktiv und nahm zahlreiche Ehrenämter wahr. Er verstarb am 31. Januar 2015 in Berlin. Die 10 Fragen beantwortete er 2011 im Rahmen des Universitätsjubiläums.


Was hat Sie dazu bewogen, ein Studium in Göttingen anzutreten?

Da ich nach einer Verwundung ohne Gefangenschaft aus dem Krieg zurückgekommen bin, bewarb ich mich in Göttingen als einer der ersten Universitäten, die im Wintersemester 1945/46 in vollem Betrieb waren.



Denke ich an Göttingen, denke ich sofort an...

… an die Aufnahme an der Göttinger Universität als einen wahren Lebensglücksfall für mich.



Was war für Sie in dieser Zeit ein unvergessliches Erlebnis?

Das ganze Studium war ein einziges großes Studium generale, so wie ich es in Erinnerung habe, mit den Schwerpunkten Geschichte und Theologie, Russische Literatur und in geringerem Umfang Philosophie. Die Jurisprudenz war eine harte und gesunde Schule für mich; nicht eigentlich mein Lieblingsfach, aber mein Examensziel.



Was war Ihr Lieblingslokal oder Ihr Lieblingsort in Göttingen?

In Lokalen war ich fast nie. Ich könnte keine Namen mehr nennen. Der Lieblingsort war das Theater. Fritz Lehmann, der die Musik leitete, gab uns die Chance, jede Aufführung in der Oper auf den Stehplätzen für eine Mark zu besuchen. Das haben meine Freunde und ich ausgenützt. Wir lernten die vier Mozart-Opern Entführung, Figaros Hochzeit, Don Giovanni und die Zauberflöte fast auswendig, dazu Fidelio, Macht des Schicksals, Carmen und Rosenkavalier. Auch das war ein Studium generale für das Leben.



Was hat Sie besonders geprägt: Welcher Hochschullehrer, welches Studienangebot?

Miterlebt habe ich, wie Franz Wieacker zum ersten Mal seine später berühmt gewordene Vorlesung über die Privatrechtsgeschichte der Neuzeit hielt. Das wurde für mich zum eigentlichen Grundverständnis der Jurisprudenz als der Lehre vom geregelten und humanen Zusammenleben. Es war der prägende Einblick in die Geschichte der Kultur.



Womit konnte man Sie immer vom Lernen abhalten?

Nach meiner Antwort zu Punkt 4 wird der Leser sagen: Mit der Musik. Aber es ging ja für uns gar nicht allein ums Lernen, sondern um das Verständnis der Welt.



Was würden Sie studieren, wenn Sie heute noch einmal entscheiden könnten?

Wiederum würde ich mich um ein mehr oder weniger zusammengehöriges Bündel von Fächern bemühen, kein inhaltlich allzu eingeschränktes zügiges Magisterstudium.



Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

So etwas behält man für sich selbst .



Welchen Ort in Göttingen würden Sie gerne einmal wiedersehen?

Die Herzberger Landstraße und die Bunsenstraße.



Welchen Tipp haben Sie für heutige Studierende?

Sich lieber auch etwas Zeit zu nehmen und das eigene Fach in die Geistes- und Naturwissenschaft einzuordnen. Nicht jede Universität kann das, aber Göttingen traue ich es zu. Und nutzen Sie gegebene Chancen zu Auslandsstudienaufenthalten, sofern sie erreichbar sind. Für uns ging das damals nicht.



Interview mit Richard von Weizsäcker aus der uni|inform 05/2012

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