Wolfgang Bittner, seit 2009 wieder in Göttingen lebender Striftsteller, studierte ab 1966 Rechtswissenschaften, Philosophie und Soziologie in Göttingen und München. Das Jurastudium schloss er 1970 in Göttingen mit dem ersten Staatsexamen ab, 1972 promovierte er mit einer rechtswissenschaftlichen Arbeit, 1973 legte er das zweite Staatsexamen ab.
Er arbeitete in der Verwaltung und als Rechtsanwalt, seit 1974 dann freiberuflich als Schriftsteller. Von 1996 bis 1998 gehörte er dem WDR-Rundfunkrat an, von 1997 bis 2001 dem Bundesvorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller.
Inzwischen hat Bittner, der am 29. Juli seinen 70. Geburtstag feiert, mehr als 60 Bücher veröffentlicht, zuletzt den Roman "Schattenriss oder Die Kur in Bad Schönenborn". Er ist Mitglied im internationalen Schriftstellerverband P.E.N. und nahm hin und wieder Lehrtätigkeiten im In- und Ausland wahr. Bittner ist verheiratet und hat drei Kinder. Längere Reisen führten ihn nach Mexico, Vorderasien, Kanada und Neuseeland.



Was hat Sie dazu bewogen, ein Studium in Göttingen anzutreten?

In Ostfriesland, nahe der Küste aufgewachsen, zog es mich seit meiner Kindheit südwärts. Daher entschied ich mich für Göttingen, zumal die Entfernung zu meinem Heimatort anfangs nicht zu groß sein sollte. Göttingen kam mir bei einem ersten Besuch im Frühjahr 1964 geradezu italienisch vor, sozusagen als das Florenz Norddeutschlands. Hinzu kam, dass die Göttinger juristische Fakultät einen hervorragenden Ruf hatte.



Denke ich an Göttingen, denke ich sofort an......

… die aktuellen Mittelkürzungen im Kulturbereich, denen unter anderem das Ausstellungsangebot (Bildende Kunst) der überregional angesehenen Apex-Galerie zum Opfer gefallen ist. Soweit ich informiert bin, ging es lediglich um zusätzliche 15.000 Euro jährlich, die nicht zur Verfügung stehen. Das hat mich sehr bewegt, weil ich mich in den 70er und 80er Jahren zeitweise für Apex engagiert habe.



Was war für Sie in dieser Zeit ein unvergessliches Erlebnis?

Unvergesslich sind mir die wunderbaren Aufführungen im Deutschen Theater (zuerst noch unter Heinz Hilpert) und im Jungen Theater (damals an der Geismar Landstraße). Unvergesslich sind mir aber auch die Studentendemonstrationen gegen den Vietnam-Krieg und nach dem Tod von Benno Ohnesorg.



Was war Ihr Lieblingslokal, beziehungsweise Ihr Lieblingsort in Göttingen?

Mein Lieblingslokal war der Theaterkeller in der Geismar Landstraße, später das Restaurant „Z-Sorbas“, wo ich mich oft mit Freunden bei gutem Essen und Wein traf, und wo wir zusammen mit dem Wirt Georgios Koukoulas nachts noch Sirtaki tanzten. In dem hinteren Raum, dem sogenannten „Auditorium Minimum“ fanden großartige alternative Veranstaltungen statt; ich erinnere mich zum Beispiel an einen Abend mit dem Kabarettisten Wolfgang Neuss.



Welcher Hochschullehrer hat Sie beeinflusst, beziehungsweise welches Studienangebot hat Sie besonders beeindruckt?

Sehr beeindruckt und beeinflusst haben mich Prof. Franz Wieacker, der anregende Vorlesungen in Rechtsgeschichte hielt, sowie der Jurist Prof. Claus Roxin, mein späterer Doktorvater. Im Übrigen habe ich die vielseitigen Möglichkeiten der Universität genutzt und neben Jura vor allem Philosophie und Soziologie studiert.



Womit konnte man Sie immer vom Lernen abhalten?

Durch die lebhaften Diskussionen im Kreis meiner Studienfreunde, durch Theaterbesuche und durch die Ausflüge in die Umgebung von Göttingen, zum Beispiel nach Bremke in das Gasthaus „Mutter Jütte“ oder im Sommer an einen der nahegelegenen Badeseen. Außerdem begann ich damals bereits an meinem ersten Roman zu schreiben, der zum Teil in Göttingen spielt und dann 1978 unter dem Titel „Der Aufsteiger oder ein Versuch zu leben“ erschienen ist.



Was würden Sie studieren, wenn Sie heute noch einmal entscheiden könnten?

Wahrscheinlich würde ich im Hauptfach doch wieder Jura studieren, zumal mir die „Relationstechnik“ (eine Methode zur Erfassung, Ordnung und Beurteilung eines komplexen Falles) die früher während des Referendariats geübt wurde, dazu verholfen hat, Sachverhalte gründlich und logisch zu durchdenken. Das kam mir später bei meiner schriftstellerischen und publizistischen Tätigkeit sehr zugute. Aber vielleicht würde ich auch Forstwissenschaft studieren, weil ich als Jugendlicher zeitweise Förster werden wollte. Germanistik würde ich nach wie vor nicht studieren wollen, da ich nie die Absicht hatte, Lehrer oder Lektor zu werden.



Verraten Sie uns Ihr Lebensmotto?

Keine Handlung bleibt ohne Wirkung.



Welchen Ort in Göttingen würden Sie gerne einmal wiedersehen?

Das alte und so leider nicht mehr bestehende Restaurant „Z-Sorbas“, um die Gespräche über Gott und die Welt und insbesondere über die Vorstellungen von einer humanen Gesellschaft weiterzuführen. Im Sommer habe ich sehr gern auch im Garten von Café Greve am Nikolausberger Weg gesessen, das später leider abgerissen wurde.



Welchen Tipp haben Sie für heutige Studierende?

Soweit es bei den Zwängen eines immer mehr verschulten Studiums möglich ist, sollte man das breite Bildungsangebot der Universität wie auch das Kulturangebot der Stadt nutzen, um seinen Gesichtskreis zu erweitern. Und man sollte sein Studienfach nach seinen Neigungen und nicht unter Gesichtspunkten der ökonomischen Effizienz wählen. Der verehrte Rechtsphilosoph Gustav Radbruch, der als Reichsjustizminister der Weimarer Republik ein leuchtendes Vorbild für heutige Politiker sein könnte, schrieb in seiner „Einführung in die Rechtswissenschaft“: „Der verfehlte Beruf aber ist die größte Sünde, recht eigentlich die Sünde wider den heiligen Geist – wider den eigenen dadurch verkümmerten, verkrüppelten und verrenkten Geist.“

« Andreas Biskup Markus Bludau »